Über Sinn und Unsinn von Nahrungsergänzungsmitteln

Ein Grundsatz gesunder Ernährung lautet: die Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Was mathematisch höchst fragwürdig scheint, ergibt im Bezug auf die gesunde Ernährung durchaus einen Sinn. Diese These drückt aus, dass das Zusammenspiel von Nahrungsmitteln und Nährstoffen ein komplexerer Vorgang ist, als die pure Aufnahme chemischer Verbindungen. Mit fortschreitenden chemischen und biologischen Erkenntnissen sowie immer moderneren Messmethoden und Technologien versucht der Mensch, seine Nahrung in ihre chemischen Bestandteile zu zerlegen und die Auswirkungen dieser Bestandteile beziehungsweise auch deren Abwesenheit auf den Organismus zu erkunden. So entstand in den letzten etwa 100 Jahren im westlichen Kulturraum der Eindruck, man könne die aufwändige und zeitintensive Nahrungsaufnahme zumindest teilweise ersetzen, in dem man die in ihrer Wirkung vermeintlich identifizierten Nähr- und Zusatzstoffe isoliert und konzentriert zu sich nähme.

Auf Grundlage der modernen Ernährungswissenschaft entstand eine Milliardenindustrie für Nahrungsergänzungsmittel. Die Idee, fehlende Vitamine, Mineralstoffe oder Spurenelemente hochkonzentriert in einer Pille zu schlucken, anstatt mühsam grünen Salat oder einen Apfel zu kauen oder sich zwei bis dreimal am Tag Gemüse zu dämpfen erscheint vielen Menschen zu verlockend. Energielevel zu niedrig? Abgeschlagen und unkonzentriert? Da fehlt Vitamin C, D und E – das gibt’s in unserer Wunderpackung und schon sind Sie wieder fit wie ein Turnschuh. So oder so ähnlich könnte sich die verführerische Werbung für Vitaminpräparate & Co. anhören.

Brauchen wir Nahrungsergänzungsmittel?

Leider oder vielmehr zum Glück agiert der menschliche Organismus deutlich komplexer, als sich die Industrie das wünscht. In einer vollwertigen Ernährung mit frischen und natürlichen Lebensmitteln befinden sich nach aktuellem Stand der Wissenschaft schätzungsweise 10.000 Nährstoffe, die direkten oder indirekten Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. Viele dieser Stoffe sind noch unbekannt. Sie befinden sich aber in Zusammensetzung und Konzentration in einem Verhältnis, das dem menschlichen Bedarf an diesen Stoffen entspricht. Die Einnahme, noch dazu gar die permanente und regelmäßige Einnahme, von Nahrungsergänzungsmitteln ist daher für gesunde Menschen absolut unnötig. Sie ist aber nicht nur unnötig, sie kann darüber hinaus sogar schädlich sein, vor allem wenn ganz besonders hoch konzentrierte Präparate eingenommen werden. So können zum Beispiel natürliche Gleichgewichte von Nährstoffen im Körper gestört werden. Zuviel Calcium kann das Risiko für Nierensteine erhöhen. Die Wissenschaft vermutet, dass die Aufnahme von zu viel Eisen das Risiko von Arteriosklerose erhöht. Unser Fazit lautet daher: Wir meinen, Nahrungsergänzungsmittel, Vitaminpräparate und wie sie alle heißen helfen nur einem: der Nahrungsergänzungsmittelindustrie. Eine ausgewogene, vollwertige Ernährung können sie weder ersetzen, noch braucht man sie zur Ergänzung.

Wichtig ist es zu verstehen, dass allein die schier unüberschaubare Menge vorhandener Produkte kein Indiz dafür ist, dass sie für die menschliche Ernährung einen sinnvollen Zweck erfüllen oder gar notwendig wären.

Was genau sind Nahrungsergänzungsmittel?

Nahrungsergänzungsmittel sind nach deutschem Recht zunächst einmal Lebensmittel. Sie sollen, so der Plan der Hersteller, die normale Ernährung ergänzen. Nahrungsergänzungsmittel enthalten die unterschiedlichsten Nähr- und Ergänzungsstoffe in hochkonzentrierter Form, zum Beispiel Spurenelemente, Vitamine, Aminosäuren, Ballaststoffe, Kräuterextrakte oder Mineralstoffe. Diese Inhaltsstoffe werden portioniert verkauft in Form von Tabletten, Pulvern, Dragees, Kapseln oder auch flüssig.

Nahrungsergänzungsmittel gelten nicht als Arzneimittel und unterliegen damit keinen strengen Kontrollen. Sie unterliegen dem Lebensmittel- und Futtergesetzbuch (LFGB) und dürfen laut Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV) keinen therapeutische Wirkung haben, also keine Krankheiten heilen oder lindern. Zusätzlich geregelt ist, dass die Werbung für solche Produkte keine Krankheitsbild bezogene Aussagen treffen darf. Die Hersteller dürfen jedoch auf die Verringerung des Risikos bestimmter Krankheiten durch die Verwendung ihrer Produkte verweisen, was aus Verbrauchersicht bereits kritisch zu bewerten ist.

Wie kann ich Nahrungsergänzungsmittel erkennen?

Hersteller und Händler von Nahrungsergänzungsmitteln sind verpflichtet, diese als solche erkenntlich zu machen. Das bedeutet, dass auf den Verpackungen konkret das Wort „Nahrungsergänzungsmittel“ deutlich sichtbar zu lesen sein muss. Zudem muss die täglich zulässige Verzehrmenge angegeben sein, ergänzt durch den Hinweis, dass diese nicht überschritten werden darf.

Auf den Verpackungen solcher Nahrungsergänzungsprodukte muss ein Hinweis sichtbar sein, dass dieses Produkt kein Ersatz für eine ausgewogene, gesunde Ernährung sein kann sowie dass das Produkt nicht in die Hände von kleinen Kindern geraten darf.

Sind Nahrungsergänzungsmittel sicher?

Als Lebensmittel müssen auch Nahrungsergänzungsmittel sicher sein. Soviel zur Theorie. In der Praxis sind die Hersteller und Vertreiber dafür verantwortlich, dass die Sicherheit und Unschädlichkeit ihrer Produkte gewährleistet ist. Sie sind darüber hinaus dafür verantwortlich, dass Beschreibung, Werbung und Produktaufmachung den Verbraucher nicht täuschen.

Nahrungsergänzungsmittel durchlaufen anders als Arzneimittel keine behördlichen Zulassungsverfahren. Die in Deutschland erhältlichen Ergänzungsmittel werden von der amtlichen Lebensmittelüberwachung lediglich stichprobenartig kontrolliert. Bei der Fülle der Präparate können also niemals alle verfügbaren Mittel auf tatsächliche Unbedenklichkeit untersucht worden sein.

Obwohl bekannt ist, dass die Einnahme von zu vielen Vitaminen oder auch Mineralstoffen die Gesundheit schädigen können, existieren derzeit keine gesetzlichen Maximalangaben für solche Inhaltsstoffe. Die Einführung und Überwachung von Nahrungsergänzungsmitteln unterliegt in Deutschland den einzelnen Bundesländern.

Gibt es Nahrungsergänzung, die empfohlen wird?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR, http://www.bfr.bund.de/de/das_bundesinstitut_fuer_risikobewertung__bfr_-280.html), eine wissenschaftliche Einrichtung der Bundesrepublik Deutschland, empfiehlt Frauen mit Kinderwunsch und in der Schwangerschaft die zusätzliche Aufnahme von Folsäure durch Nahrungsergänzungsmittel. Darüber hinaus bezieht es ziemlich deutlich Stellung gegen die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln durch normale, gesunde Menschen.

Weitere Informationen zu Nahrungsergänzungsmitteln sowie die Beantwortung zahlreicher informativer Fragen finden Sie auf der Webseite des BfR.

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